Gestern haben wir uns hier im Blog mit dem Prinzip „Show, don’t tell“ beschäftigt – einer der bekanntesten Tipps im kreativen Schreiben. Dabei geht es darum, Leser:innen Situationen, Gefühle und Figuren nicht einfach zu erklären, sondern erlebbar zu machen. Statt also zu schreiben „Sie war traurig“, können wir die Traurigkeit durch Gesten, Handlungen oder Bilder zeigen: „Sie starrte minutenlang auf den Boden, während ihre Finger das Taschentuch zerknüllten.“

So einfach das klingt, so schwer ist es oft, dieses Prinzip konsequent im eigenen Schreiben umzusetzen. Vor allem, weil man nicht in jeder Szene ausschweifend zeigen kann – manchmal ist ein kurzer „Tell“-Satz sinnvoll, um Tempo zu halten oder einen Zeitsprung zu überbrücken. Die Kunst liegt also darin, beide Möglichkeiten zu kennen und bewusst einzusetzen.
Damit du ein Gefühl für diesen Wechsel bekommst, haben wir heute ein paar Miniübungen vorbereitet. Sie sind kurz, lassen sich leicht zwischendurch ausprobieren und helfen dir, deine Wahrnehmung zu schärfen:
1. Gefühle sichtbar machen
Schreibe zuerst einen einfachen Satz wie „Sie war nervös.“ Danach formuliere die gleiche Aussage so, dass man sie sehen oder spüren kann: zittrige Hände, hektische Schritte, der Versuch, ruhig zu atmen. So übst du, innere Zustände über äußere Zeichen darzustellen.
2. Räume lebendig gestalten
Beginne mit „Das Zimmer war unordentlich.“ Baue daraus eine detaillierte Szene: stapelweise Bücher, halbleere Kaffeetassen, ein zerknülltes T-Shirt auf dem Stuhl. So entstehen Bilder, die sofort Atmosphäre schaffen und zugleich etwas über die Figur verraten.
3. Kurze Zeitsprünge einbauen
„Show“ ist nicht immer nötig. Versuche bewusst zu „tellen“: Fasse längere Zeiträume in einem Satz zusammen, etwa: „In den nächsten Wochen gewöhnte er sich an die neue Stadt.“ Das zeigt dir, wie sich Tempo und Fokus in einer Geschichte variieren lassen.
4. Perspektiven wechseln
Nimm eine kurze Szene und schreibe sie zweimal: Einmal nur in „Tell“-Form, knapp und nüchtern. Danach detailreich mit „Show“. Vergleiche die Wirkung: Welche Version ist intensiver? Welche bringt die Handlung schneller voran?
5. Gefühle benennen vs. zeigen
Schreibe „Er war wütend.“ Danach: „Sein Gesicht lief rot an, er ballte die Fäuste, seine Stimme bebte.“ Überlege, welche Variante du in welcher Art von Text einsetzen würdest.
Fazit:
Diese Miniübungen zeigen: „Show, don’t tell“ ist kein starres Gebot, sondern ein Werkzeug. Mal hilft das „Zeigen“, deine Figuren zum Leben zu erwecken, mal sorgt das „Erzählen“ für Klarheit und Tempo. Wenn du beide Varianten bewusst einsetzt, findest du deinen ganz eigenen Erzählstil – und deine Geschichten gewinnen an Tiefe und Dynamik.
